Stellungnahme des Bündnisses kritischer Kulturpraktiker_innen zu dem Fall „Sight“ und „Tauberbach“

Vergangenen Sonntag, 11.05.2014, hat das Bündnis kritischer Kulturpraktiker_innen eine Intervention beim diesjährigen Theatertreffen in Berlin durchgeführt. Im Zentrum der Kritik stehen die beiden Stücke „Sight“ (eine Produktion von Grupo Oito in Koproduktion mit Kultursprünge im Ballhaus Naunynstraße gemeinnützige GmbH unter der Choreografie von Ricardo de Paula) und „Tauberbach“ (eine Produktion der Münchner Kammerspiele von Alain Platel), denn in der Gegenüberstellung ihrer Entstehung, Bearbeitung der gleichen Geschichte und Rezeption wird ein koloniales Verhältnis fortgeschrieben, das Schwarze Stimmen erneut marginalisiert.

Im Vorfeld hatten die Grupo Oito und Unterstützer_innen Kontakt zu Azadeh Sharifi gesucht, da die promovierte Theaterwissenschaftlerin als Expertin zum Postmigrantischen Theater und rassistischen Praktiken im Theater gilt. Im Zuge ihrer aktuellen Forschung zu „Artists of Color in European Theatre” hat Sharifi schließlich mit Ricardo de Paula ein Interview geführt. Hierbei stellte de Paula eine koloniale Perspektive und Erzählweise bei „Tauberbach“ an vielen Stellen heraus. Zum anderen berichtete er aber auch über Platels Aneignung mit „Tauberbach“ einer Geschichte, die de Paula zuvor für „Sight“ reflektiert und bearbeitet hatte.

Im Anschluss an das Gespräch entschied das Bündnis kritischer Kulturpraktiker_innen, das Interview-Transkript für seine Intervention zu nutzen, da Ricardo de Paula während der Gesprächsaufnahme sehr klar einen Kolonialismusvorwurf gegenüber Platels „Tauberbach“ formulierte und starke Ähnlichkeiten zu seiner eigenen Inszenierung herausstellte. Zwischenzeitlich hat sich Ricardo de Paula von einem Plagiatsvorwurf gegenüber Alain Platel ausdrücklich distanziert. Seinem Wunsch nach Streichung einer missverständlichen Interviewpassage sind sämtliche Beteiligte nachgekommen. Von „wrongly quoted“ kann dementsprechend nicht die Rede sein.

Als ein Bündnis von kritischen Kulturpraktiker_innen, das die oben genannte Intervention geplant und durchgeführt hat, möchten wir festhalten, dass unser Ausgangspunkt für die Aktion war, dass sich die Grupo Oito mit dem Regisseur Ricardo de Paula in einer Position sieht, die im west-europäischen Theaterbetrieb mehrfach marginalisiert wurde. Auf Basis und Zuspruch aller beteiligten Personen und von vielen weiteren Kulturpraktiker_innen und Wissenschaflter_innen haben wir gehandelt, um aufzuzeigen, dass gerade im Theaterfeld Kolonialismus nach wie vor praktiziert wird. Nach wie vor haben wir alle es mit diesen Realitäten zu tun; so steht auch das Herausheben einzelner Personen aus unserer kollektiven Aktion in einer Linie mit der kolonialen Strategie, ungleiche Sprecher_innenschaften herzustellen und kritische Positionen zu delegitimieren.

 

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