Mind the Trap im migrazine.at

Veröffentlicht im migrazine.at #12 im Juni 2014

Mind the Trap! – In Berlin leistet das Bündnis kritischer Kulturpraktiker*innen Entwicklungshilfe für den deutsch-deutschen Kulturbetrieb

 

Berlin – ein Ort, an dem viele künstlerische und politische Diskurse angestoßen, weitergeführt und in Frage gestellt werden. Ein Ort, wo kleine Menschengruppen Großes bewirken können. Wie beispielsweise die protestierenden Geflüchteten am Oranienplatz, deren Widerstand für viele, ob Geflüchtete oder sich solidarisierende Menschen, ein ermächtigendes Vorbild ist. Allerdings ahnt mensch zuvor meistens nicht, dass Widerstandsmomente zu Widerstandswellen werden können. Auch uns vom Bündnis kritischer Kulturpraktiker*innen ist der Widerstand der Geflüchteten vom Oranienplatz ein Vorbild – so sehr, dass auch wir nicht mehr alles hinnehmen wollen. Dennoch haben wir nicht geahnt, welch große Medienresonanz und wie zahlreiche Solidaritätsbekundungen wir bekommen würden, als wir bei einer Tagung intervenierten, bei der wir weder eingeladen noch, wie sich später herausstellte, wirklich erwünscht waren.

Falle “niederschwellige Kulturvermittlung”

Anfang 2014 fand am Deutschen Theater Berlin die Tagung “Mind the Gap” statt, die sich den “Zugangsbarrieren zu kulturellen Angeboten und Konzeptionen niedrigschwelliger Kulturvermittlung” (siehe Einladungsfolder hier) widmete. In der Ankündigung begründeten die Veranstalter*innen das Thema ihrer Tagung damit, dass “gerade junge Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund aus nicht-westlichen Herkunftsländern, Menschen mit Behinderung und viele Menschen mit geringen Einkünften klassische Kultureinrichtungen besonders selten” besuchen würden.

Als wir den Flyer in den Händen hielten, stellten wir uns die Frage, nach welchen Gesichtspunkten und wie präzise die Begriffe und Konzepte ausgewählt waren, die von den Tagungsleiter*innen verwendet wurden. So wurden im gesamten Kontext und auch im Rückblick zur besagten Tagung Begriffe wie “Milieu”, “Hochkultur”, “Kunst”, “Migrationshintergrund” oder “Behinderung” verwendet, ohne zu problematisieren, dass es sich hierbei um Differenz festschreibende Kategorien handelt. Fragen nach der Wirkungsmächtigkeit sozialer Konstruktionen von Class, Gender, Race und Ability und den daraus resultierenden Ausschlussmechanismen wurden dabei nicht gestellt. Vielmehr wurde das Problem bei denjenigen gesucht, die nicht einer gesellschaftlichen Norm entsprechen, und es wurden Überlegungen angestellt, wie durch “niedrigschwellige Kulturvermittlung” Barrieren bei diesen “Bevölkerungsgruppen” zu beheben seien.

Deutsche Hochkultur – ein monokulturelles Biotop

Der Ansatz der “niedrigschwelligen Kulturvermittlung” geht per se von einem Defizit bei einzelnen Bevölkerungsgruppen aus, indem ihnen Unkenntnis oder Ferne zu Kunst, Kultur und Bildung unterstellt wird. Einerseits werden also sämtliche Individuen aus unterschiedlichsten Zusammenhängen, Bezügen und Verortungen als eine “Gruppe” festgeschrieben und “kunstaffinen”, “gebildeten” Besucher*innen von Kultureinrichtungen gegenübergestellt. Andererseits wird “niedrigschwellige Kulturvermittlung” als Heilmittel zur Überwindung der “Gaps” vorgeschlagen. Weder das Tagungsprogramm noch die Auswahl der Referent*innen legen nahe, dass der inhaltliche und strukturelle Aufbau von Kulturinstitutionen, der bestimmte Exklusionen (re)produziert, infrage gestellt wurde. Hingegen wäre es notwendig, mit wesentlich präziseren Begriffen zu arbeiten, um strukturelle Ausschlüsse wie Rassismus, Klassismus und Ableismus und ihre Wirkungen als “Gap”-Erzeuger zu analysieren und Methoden und Strategien zu ihrer Überwindung zu konzipieren.

Wir, ein Bündnis von Kulturpraktiker*innen und Wissenschaftler*innen, haben mit der Aktion “Mind the Trap” bei der erwähnten Tagung interveniert, um auf die Problematiken des Tagungskonzepts und -inhalts hinzuweisen. Wir, das ist ein Zusammenschluss kritischer Kulturschaffender und Wissenschaftler*innen, die zumeist an der Schnittstelle von Theorie und Praxis arbeiten. Wir beziehen uns auf Ansätze, die diese – in Deutschland leider noch gesetzte – Dichotomie zusammendenken, Ansätze wie postkoloniale und queer-feministische Theorien, deren Ursprünge in Widerstandsbewegungen fußen, aber auch die britischen Cultural Studies, die bereits vor langer Zeit die Unterteilung in “Hoch-” und “Unterhaltungskultur” als hinfällig entlarvten. In diesem Sinne verstehen wir Kultureinrichtungen auch nicht als soziales Vakuum, in dem strukturelle Gefälle bereits aus den Angeln gehoben wurden, sondern in denen im Gegenteil ein Fort- und Festschreiben von Ausschlüssen und damit Diskriminierung entlang gesellschaftlicher Normative stattfindet. Für uns kann sich eine nachhaltige Kritik und Veränderung nur formulieren, wenn sie aus der Perspektive derjenigen betrachtet wird, die von den Ausschlüssen betroffen sind. Nur dann ist es möglich, diese Mechanismen zu benennen und zu modifizieren.

Nachhilfe für die deutsche Kulturnation

Wir haben bei der Tagung “Mind the Gap” kritisiert, dass kein*e einzige*r Wissenschaftler*in, Kulturpraktiker*in oder Expert*in eingeladen war, die*der sich mit Ausschlüssen und Marginalisierungen aus eben dieser Perspektive kritisch auseinandersetzt. Wir haben kritisiert, dass die Defizite bei den “Bevölkerungsgruppen” gesucht werden, anstatt jene Strukturen in Gesellschaft und Institutionen zu analysieren, die Ausschlüsse produzieren. Und wir haben kritisiert, dass die Tagung tatsächlich nur für ein Publikum konzipiert war, das von der Tagungsleitung als “Fachpublikum” bezeichnet wurde, aber in Wahrheit eben von den genannten Ausschlüssen und Marginalisierungen gar nicht betroffen ist.

Letztlich ging es, zugespitzt formuliert, um die Vergewisserung der eigenen Position, die so lange gegeben ist, wie die eigenen Parameter nicht infrage gestellt werden. Übrigens hat die Tagungsleitung mehrmals mit entlarvenden Stellungnahmen auf die geäußerte Kritik reagiert, die eine weitgehende Unkenntnis über die Wirkungsweisen kultureller Ausschlüsse erkennen ließ, und sich bisweilen rassistischer Formulierungen bedient. Diese – leider sehr typischen – Abwehrreaktionen deuten auf die Unmöglichkeit einer kritischen Reflexion auch in festgefahrenen universitären Strukturen der deutschen Kulturwissenschaft hin, die vom internationalen kritischen Kulturdiskurs weit entfernt sind.
Die Welle der Solidarität war wie bereits erwähnt groß. Vielen Menschen im deutschsprachigen Raum und über diesen hinaus haben sich das Video der Intervention [siehe obigen YouTube-Clip] angeschaut. Sie haben sich per E-Mail und Facebook bei uns gemeldet und sogar ihr Interesse an einer aktiven Teilnahme bekundet. Die Intervention hat einen Nerv getroffen, der von vielen anderen Kulturschaffenden und Wissenschaftler*innen geteilt wird.

Allianzen für Alternativen

Wir haben lange diskutiert, wie wir weiter agieren wollen und dabei beschlossen, als kleine Gruppe zunächst die Eckpfeiler unserer Arbeit festzulegen, bevor wir das Bündnis kritischer Kulturpraktiker*innen für die vielen Interessierten öffnen. Derzeit sind wir dabei, ein Manifest aufzusetzen, in dem wir uns zu den herrschenden Strukturen positionieren.
Eines der wichtigsten Momente der Öffnung wird die alternative Fachtagung sein, bei der wir Exklusionsmechanismen in seinen vielschichtigen Formen sichtbar machen möchten. Hinsichtlich unseres intersektionalen Verständnisses stellen wir jedoch fest, dass uns Expertisen fehlen. Fehlende Expertise etwa, um über Barrieren für Menschen mit verschiedenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu sprechen. Wir stehen jetzt vor der Herausforderung, jene Positionen einzubeziehen.

Wie lässt sich eine solche Zusammenarbeit gestalten? Wie eine gemeinsame Tagung denken? Wir wollen keinesfalls jene Perspektiven bloß nachträglich integrieren, sondern von Anfang an eine nachhaltige, strukturelle Veränderung ermöglichen. Diese kann nur erfolgreich sein, wenn es uns gelingt, so viele unterschiedliche Perspektiven wie möglich aktiv miteinzubeziehen, um die vielfachen Ausschlussformen erfassen und benennen zu können. Barrierefreiheit auf inhaltlicher und struktureller Ebene ist dann möglich, wenn eine gleichberechtigte Zusammenarbeit von unterschiedlichen Selbstorganisationen passiert. Der nächste Schritt für uns ist folglich, Allianzen mit Gruppen einzugehen, die von Diskriminierungsformen betroffen sind, die für uns aufgrund unserer eigenen Privilegien nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind.

Bis die alternative Fachtagung stattfinden kann, bleibt noch viel zu tun und zu lernen – und auch sie wird nur der erste von vielen Schritten sein, die auf dem Weg zu einer Überwindung von Diskriminierung in der Kunst- und Kulturszene zu gehen sind. Doch auf dem Weg dorthin lassen wir uns weiter von Menschen wie Napuli Paul Lange, einem der Geflüchteten-Aktivist*innen vom Oranienplatz, inspirieren: “Yes, I could be deported any moment and be sent back to Sudan. But I am an activist and will not give up.”

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