Paradigmenwechsel mit Hindernissen – Diversität in der deutschen Kulturlandschaft, eine Bestandsaufnahme

Im September 2014 war das BKK zu Gast bei dem Fachgespräch “global* inter* trans* KULTUR” – kulturelle Räume und Diversitäten im Fokus”, das die Werkstatt 3 in Hamburg organisiert hatte. Nun ist unser Beitrag online:

Paradigmenwechsel mit Hindernissen – Diversität in der deutschen Kulturlandschaft, eine  Bestandsaufnahme

Lisa Scheibner & Bahareh Sharifi vom Bündnis kritischer Kulturpraktiker*innen
 
Seit unserer Intervention “Mind the Trap” im Januar 2014 im Deutschen Theater Berlin sind wir, das Bündnis kritischer Kulturpraktiker*innen, zu zahlreichen Veranstaltungen eingeladen worden, die sich je nach Kontext und politischer Ausrichtung mit “Interkulturalität”, “Diversität”, “Vielfalt” oder ähnlichem im Kultursektor beschäftigen. In den meisten Fällen lassen sich Bemühungen erkennen, im Rahmen der Veranstaltung Ausschlüsse nicht zu wiederholen, sondern zumeist – mal mehr, mal weniger – jene Kulturschaffenden zu Wort kommen zu lassen, die von den vielfältigen, strukturellen Diskriminierungen betroffen sind. All diese Tagungen, Konferenzen und Symposien lassen auf einen Paradigmenwechsel in der deutschsprachigen Kulturlandschaft schließen. Es gibt also Hoffnung, so könnte man meinen, dass die Reali tät unserer diversitären Gesellschaft auch endlich Teil der geförderten kulturellen Repräsentation werden wird.
Die Praxis sieht jedoch weiterhin anders aus!
 
Die allmähliche Einsicht der Notwendigkeit grundlegender Veränderungen im Kulturbetrieb rührt aber nicht nur daher, dass auch Kulturschaffenden in etablierten Institutionen klar wird, dass ihre Theater und Museen schon längst nicht mehr -vielleicht aber auch noch nie wirklich- die gesellschaftliche Vielfalt und unterschiedliche soziale Realitäten abbilde(te)n, weder im Programm noch in der Belegschaft.
 
Diese graduelle Wendung ist vor allem auch auf die zahlreichen und lang währenden Kämpfe von marginalisierten Künstler*innen und Communities zurückzuführen. Für diese stand im Vordergrund, sich einen Platz im Kulturbetrieb zu erstreiten und eigene Formen von (Selbst-)Repräsentation zu entwickeln. Gleichzeitig ging es auch immer darum, stereotypisierende kulturelle Darstellungsmuster zurückzuweisen.
 
Steter Tropfen… – Proteste, die den Weg bereitet haben
 
Längst vergessen sind inzwischen jene türkischen Künstler*innen, die in den 1970er Jahren in Berlin-Kreuzberg im Bethanien -mittlerweile ein renommiertes Künstler*innenhaus- ihre Ateliers hatten. Die öffentliche Benennung von Rassismus im Theaterraum begann auch nicht erst 2012 mit dem Protest der Gruppe
“Bühnenwatch”, sondern fußt schon in der Bühnenbesetzung der jüdischen Gemeinde gegen den Antisemitismus des Fassbinder-Stückes “Der Müll, die Stadt und der Tod” im Jahr 1985 und zahlreichen anderen Protesten gegen rassistische Darstellungen auf deutschen Bühnen (bereits 2003 protestierte die ISD -Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland- gegen den rassistischen Sprachgebrauch der Berliner Volksbühne).
 
So steht unsere Intervention also in einer langen Reihe von Kämpfen und Protesten, die versuchen, die bestehende, kulturelle Deutungshoheit aus den Angeln zu heben und zur Disposition zu stellen. Die deutsche Kulturlandschaft erweist sich aber leider als sehr kritikresistent. Statt Perspektiven marginalisierter Communities einen Platz im Programm zu geben, werden diesen immer wieder Themen entlehnt, jedoch ohne gleichzeitig auch die entsprechenden Alltagsexpert*innen zu beschäftigen und deren Hinweise ernst zu nehmen. Das zeigt sich auch in der freien Szene.
 
Wir konnten kürzlich erleben, wie eine Kunstaktion gegen die europäische Asylpolitik eine überwältigende mediale Aufmerksamkeit erhielt. Bezeichnenderweise war dies eine Aktion, die ohne die aktive Einbindung von Geflüchteten organisiert war. In den letzten drei Jahren haben Refugees mit ihren selbstorganisierten Protesten öffentliches Bewusstsein für die verheerenden Auswirkungen der Asylgesetzgebung geschaffen. Eine der Errungenschaften dieser Proteste war, dass sich Geflüchtete selbst Gehör verschaffen konnten und erstmals von einer breiten Öffentlichkeit als politische Akteur*innen wahrgenommen wurden. Ein Projekt, das diese Perspektive unberücksichtigt lässt, marginalisiert die Selbstrepräsentation der Refugee- Aktivist*innen und weist ihnen eine passive Rolle zu. Dabei haben die Macher*innen der Kunstaktion letztlich auch von der Aufmerksamkeit profitiert, die die Refugees zuvor für das Thema Asylrecht erstritten hatten.
 
Passend dazu wurde der Plan, in der besetzten, leer stehenden Schule in der Ohlauerstraße in Berlin-Kreuzberg ein selbstorganisiertes und selbstverwaltetes Kulturzentrum zu gründen, weder von der Politik realisiert, noch von der Presse thematisiert.
 
Wer wird wahrgenommen und wohin geht eigentlich das Geld?
 
Wir fragen uns auch, warum ein politisches Jugendtheaterfestival wie das Festiwalla, das von Jugendlichen und jungen Erwachsenen of Color für Jugendliche konzipiert und veranstaltet wird, und aktuelle Bezüge zu sozialen und zeitgeschichtlichen Fragen wie Gentrifizierung und Krieg stellt, eine so geringe Finanzierung bekommt, dass es u.a. auf Crowdfunding angewiesen ist. Hingegen finden regelmäßig finanziell gut ausgestattete ‘wissenschaftliche’ Tagungen und Veranstaltungen statt, bei denen hypothetisch erörtert werden soll, wie eine Hinführung zur politischen und kulturellen Bildung für Jugendliche aus einkommensschwachen Haushalten aussehen kann. Die Tagung “Mind the Gap”, gegen die sich unsere Intervention richtete, ist ein Beispiel hierfür.
 
Kultur ist ein lebendiger Prozess, der nicht am Reißbrett entworfen werden kann, sondern von seinen Akteur*innen gestaltet wird. Diese sind es auch, die mit Hilfe von guter Förderung soziale Lebensrealitäten benennen, und künstlerisch Utopien entwickeln können.
 
Es scheint aber weiterhin eine Kultur des-Redens-über, statt -mit, zu herrschen. Emanzipative Projekte der Selbstermächtigung finden entweder keine Beachtung oder können aufgrund der schwachen Finanzierung nur unter sehr schwierigen Bedingungen realisiert werden.
 
Warum wird diesen Ressourcen, diesem Wissen kein Raum gegeben? Warum wird die Kreativität selbstorganisierter Projekte von Organisationen und Geldgeber*innen nicht begeistert unterstützt? Etwa weil diese Projekte unangenehme Fragen aufwerfen, zu denen sich die Verantwortlichen in Kulturszene und Politik gerne in sicherer Distanz halten, diese womöglich auch ihre eigene, etablierte Situation verändern könnten?
 
Wir fordern daher eine institutionelle und personelle Umstrukturierung von öffentlich finanzierten Kulturbetrieben und eine damit einhergehende Umverteilung finanzieller Ressourcen. Wir fordern eine verstärkte Besetzung von Vertreter*innen marginalisierter Communities in Entscheidungspositionen von Gremien, in denen über staatliche Kulturförderung entschieden wird. Und wir fordern eine langfristige Förderung von Räumen, in denen auch jenseits eurozentristischer ästhetischer Traditionen Kunstproduktionen entwickelt werden können
 
Strategien der Selbstermächtigung entwickeln
 
Um über diskriminierungskritische Kulturproduktion nachzudenken, braucht es Raum zum Denken, zum Ver-Lernen, zum Neu- und Wieder-Erfinden. Raum für Visionen, in dem vornehmlich jene Perspektiven zu Wort kommen, die sonst selten gehört werden, weil ihnen die Relevanz abgesprochen wird. (“Übertreib doch nicht”, “Das ist doch jetzt nicht so schlimm”, “Sei mal nicht so sensibel”, “Darum geht es doch hier gar nicht”…). Diskriminierung wirkt nicht nur in eine Richtung, sondern in zahlreiche und das zugleich. Rassismus, Sexismus, Ableismus, Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung und Religion etc. sind nicht unabhängig voneinander zu denken, sondern in vielfacher Art und Weise miteinander verwoben. Um die tiefgreifenden Verflechtungsformen diskriminierender Strukturen im Kulturbetrieb benennen zu können muss es also Orte geben an denen es möglich ist, die verschiedenen Variationen von Ausschlüssen zusammen zu denken. Dafür muss es einen Austausch von Selbstorganisationen geben, um gemeinsame diskriminierungskritische Ansätze auszuhandeln und zu entwickeln, die exkludierende Mechanismen sichtbar machen und abbauen können. Die Konferenz, die das Bündnis kritischer Kulturpraktiker_innen organisieren will, soll eben diesen Raum schaffen. Sie markiert den Anfang eines gemeinsamen Denk- und Erfindungsprozesses.
 
Denn bevor Selbstorganisationen marginalisierter Gruppen in etablierten Institutionen auf Augenhöhe mitarbeiten können, sind Zwischenschritte nötig, um kollektiv oder gemeinsam Strategien zu erarbeiten, wie dies tatsächlich funktionieren kann. Als freie Gruppe, die mit einer Institution zusammenarbeitet oder als Einzelperson innerhalb einer etablierten Kulturstätte ist es oft schwierig, teilweise unmöglich, die eigenen Gedanken und Konzepte zu artikulieren und umzusetzen, und dafür auch den Rahmen gestalten zu können. Die Marginalisierung setzt sich innerhalb althergebrachter Strukturen fort, selbst wenn alle Beteiligten ‘das Beste’ wollen.
 
Was brauchen wir also, wonach suchen wir?
 
Wir brauchen Ressourcen, die ein professionelles Arbeiten ermöglichen. Wir brauchen Vorbereitung und vor allem Vernetzung verschiedener marginalisierter Gruppen, um intersektional voneinander zu lernen und sich gegenseitig unterstützen zu können, statt selbst Ausschlüsse zu wiederholen. Auf unserer im Herbst 2015 geplanten Konferenz wollen wir aktivistisches (Alltags-)Wissen bündeln, Erfahrungen auswerten, Ideen erarbeiten, Strategien diskutieren und daraus ein Handwerkszeug zusammenstellen, mit dem sich die verkrusteten Strukturen im Kulturbetrieb tatsächlich aufbrechen lassen, um Raum für Neues zu schaffen.
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